Zentraleuropäisches Lagertreffen in Nürnberg 2013

Vom 20. bis 22. September fand das vierte „Zentraleuropäische Lagertreffen“ (ZELT) der Odd Fellows statt, zu dem sich 142 Teilnehmer aus Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Norwegen, Schweden, Finnland, der Schweiz und Tschechien im malerischen Nürnberg trafen.

Am Nachmittag des Anreisetages riss nach einer Woche Regenwetter wie zur Begrüßung der Himmel auf, die Sonne erzeugte noch ein leuchtendes Abendrot, sodass der Fußweg vom Tagungshotel durch die Nürnberger Altstadt zum Abendtreff im „Bratwurströslein“ ein angenehmer, frühherbstlicher Spaziergang war. Dort herrschte betriebsame Gemütlichkeit an langen Holztischen und zu bürgerlichen Speisen fränkischer Provenienz. Wer die Nürnberger Rostbratwürste oder den Karpfen im Teigmantel noch nicht kannte, konnte sie hier im Original kennen lernen. Der deutsche Hochmeister Ernst Schütz ging von Tisch zu Tisch und begrüßte die Gäste, die allesamt in rege Gespräche vertieft waren wie Familienmitglieder, die sich nach langer Zeit wiedersahen.

Schwerpunkt des Treffens war der Samstag. Um neun Uhr begann die Begrüßung im großen Burggrafensaal des Sheraton-Hotels, der mit Bestuhlung und Pulten zur Odd-Fellow-Halle hergerichtet war. Hochmeister Ernst Schütz hieß alle Teilnehmer willkommen und dankte dem Organisationsteam für seine Arbeit. In seiner Begrüßungsansprache verwies er zu Beginn auf den schönen Zufall, dass heute Weltfriedenstag sei. „Ist das nicht wunderbar?“ Das erste Gäste-Grußwort sprach der Grand Sire van Nederland en Belgié, Bonne M. Kuitert. Er brachte seine Hoffnung zum Ausdruck, dass „wir heute eine Inspiration bekommen und das Ergebnis in den kommenden Lagern verwenden können.“ Der Grand Sire der Schweiz, Jean Wenger, sprach als zweiter Redner namentlich den Organisatoren seinen Dank aus: „Wolf-Dieter Harrer, Hans Übler, Claus Helwig und Tatiana Adam. Die Art und Weise, wie wir hier empfangen werden, ist vorbildlich“. Er verwies dann auf ein Stück Ödön von Horváths aus dem Jahr 1932, das im Augenblick in Nürnberg auf dem Spielplan steht: „Glaube, Liebe Hoffnung“. Das Theaterstück zeige, „wie sehr ein Mensch verloren dastehen kann, wenn ihm Glaube, Liebe und Hoffnung entzogen werden.“ Es sei kein Zufall, dass man nicht nur in Nürnberg wieder vermehrt in der Öffentlichkeit über Glaube, Liebe und Hoffnung nachdenke. Das Tagungsthema „Menschen Halt geben“ passe hierauf besonders gut. Wolf-Dieter Harrer reichte den Dank wiederum weiter an Sheraton-Inhaber Werner Rübsamen, einem Schul- und Studienfreund von ihm, und dankte für die entgegenkommende Preisgestaltung für die gesamte Veranstaltung.

Nach der Begrüßungszeremonie trennten sich die Matriarchen und Patriarchen zu jeweils eigenen Lagersitzungen.

Die Lagersitzungen der Patriarchen

Hauptpatriarch Claus Helwig vom August-Weiß-Lager Süddeutschland leitete die Sitzung der Patriarchen, in deren Rahmen er einen Vortrag über die Geschichte des Lagers hielt. Der Alt-Hochmeister der deutschen Odd Fellows, Walter Kuttelwascher, sprach über die Situation der Lager in Deutschland mit ihren 346 Mitgliedern in acht Lagern.

Hauptanliegen des Hauptpatriarchen Claus Helwig aber war ein Appell an die Patriarchen und Matriarchen, mehr für den Orden zu tun. Er zog dazu einen Vergleich mit dem Körper, der von Hormonen gesteuert werde, und forderte bildlich, dass die Matriarchen und Patriarchen eine Art Odd Fellow-Hormon entwickeln, das sie dazu animiere, „mehr über uns zu reden, präsent zu sein“. Wir verlören seit Jahrzehnten Mitglieder und es sei schleunigst Zeit, das Ruder herumzureißen. Dazu fokussierte er das Thema des Treffens, „Halt geben“, auf „Brüdern Halt geben“. Sie, die Brüder, seien unser wichtigstes Kapital, sie gelte es als Erstes zu schützen, „ihnen ist jederzeit Halt zu geben“. Er forderte dazu auf, „die Freundschaften zwischen uns zu intensivieren, weil nur diese für unsere Suchenden erkennbar seien und in ihnen, der zukünftigen Brüdern, den Wunsch erwecken, ebenfalls ein Odd Fellow zu werden“.

Anschließend sprach der Großmeister von Süddeutschland, Richard Tritschler, zum Thema „Zeitgeist“. Er verwies darauf, dass es keinen von allen getragenen gemeinsamen Zeitgeist gebe, auf den man sich auf Dauer verlassen könnte. Heute wage niemand mehr, altertümliche Wertbegriffe zu benutzen aus berechtigter Angst, sich lächerlich zu machen. Trotzdem sei es notwendig, sich auf solche Werte rückzubesinnen, auf Werte wie Gerechtigkeit und Solidarität. „Selbstverwirklichung“ sei das große Modewort unserer Zeit. Individualismus aber höhle eine jede Gemeinschaft aus. Deshalb ist entscheidend notwendig, dass die Menschlichkeit, wie wir sie im Orden anstreben, in unserem Orden definiert ist. Wir sollten unsere Werte zu unserem Lebensinhalt machen und vorleben: Gerechtigkeit, Toleranz und Solidarität. Unsere höchsten Güter seien die Treue, die Toleranz, die Mäßigung im Streit und die Friedensliebe. Unser Umgang untereinander sollte daher getragen sein von Sorgfalt, was auch die Sorge füreinander beinhalte. Darum sollten wir alle erkennen, wie notwendig es ist, einem oberflächlichen Zeitgeist entgegenzuwirken.

Nach diesem Appell an die Grundpfeiler des Ordens wurde gemeinsam das Bruderlied gesungen, was in den Ohren so manches Patriarchen nun einen anderen Klang hatte.

Die Lagersitzung der Matriarchen

Bei den Matriarchen leitete Hauptmatriarch Ute Romeike vom Wander-Lager Selene (Stuttgart, Nürnberg, München) die offene Hallensitzung mit etwa 40 Teilnehmerinnen, an welcher auch Schwestern ohne Lagergrad und Gäste teilnehmen konnten. Als Ehrengäste wurden besonders begrüßt die Deputierten Groß-Sire Janny van Eck-Wagenaar aus den Niederlanden und Karin Schneider aus der Schweiz. Die deutsche Rebekka-Präsidentin Ingrid Madsen, Vize-Präsidentin Petra Schulz, Past Präsidentin Heidi Happe und Alt-Matriarch Brigitte Fuhrmann wurden ebenfalls auf dem Teppich empfangen. Letztere war auch bei der Begrüßung durch den Hochmeister Ernst Schütz gesondert geehrt worden für ihre Verdienste um die deutsche Großloge, deren Steuererklärungen sie jahrelang ehrenamtlich erstellt hatte. Großsekretär Roland Winkel überreichte ihr dafür eine Urkunde, aus der Hand des Hochmeisters erhielt sie eine Kristallrose.

Nach einem Überblick über die Geschichte der beiden deutschen Rebekka-Lager, die einst vom dänischen Mutterlager als ein Lager ins Leben gerufen worden waren und die sich erst später aufgrund der großen geografischen Distanzen in ein Nord- und ein Südlager teilten, wies sie darauf hin, dass das Lager Selene am 10. Oktober sein 15-jähriges Jubiläum begeht.

Den Hauptvortrag aber hielt Hauptmatriarch des Lagers Sara, Dr. Brigitte Schröder. Auch sie sprach zum Thema „Halt geben“ und verwies in ihrem Vortrag darauf, dass es „in Wildeys Amerika noch Hilfe zur wirtschaftlichen Sicherung“ gab. Was aber bleibt heute? „Ich denke, die Konzentration auf die psychologische Seite. Die Maslowschen Grundbedürfnisse (Essen Kleidung, Wohnen) sind befriedigt – oder Menschen können durch andere Dinge in unserem Leben in der westlichen Industriewelt Halt und Ausrichtung finden. Es bleibt aber das Streben nach einem Lebenssinn – die große Sinnfrage, sie steht im Raum.“

Nach den getrennten Lagersitzungen wurden drei Gruppen gebildet, die das Thema „Halt geben“ unter wirtschaftlichen, sozialen und psychologischen Aspekten diskutierten. Anschließend wurden von den Gruppensprechern die Ergebnisse in einer wiederum versammelten Runde vorgetragen. Da kam es fast einem Wunder gleich, dass trotz dieses Mammutprogramms noch einigermaßen der Zeitplan eingehalten wurde, was dem eisernen Willen und der Disziplin des gesamten Auditoriums zu verdanken war, das auf jedwede Pausen verzichtete.

Nach dem Mittagessen nahmen die einen an den angebotenen Nachmittagsprogrammen teil wie Stadtführung oder Besuch des Germanischen Nationalmuseums, die anderen besuchten den „Markt der Begegnungen“ im Foyer des Hotels, wo Lebkuchen und Pralinen der ersten Qualität für die kommende Weihnachtszeit angeboten wurden. Auch ein Verkaufsstand mit Utensilien des Ordens war vorhanden. Es war nur schade, dass dieses Angebot nicht wahrnehmen konnte, wer an einem der anderen Events teilnahm.

Das Bankett im Sheraton Nürnberg

Für den Abend war ein großes Bankett anberaumt im Burggrafensaal des Sheraton Nürnberg. Aus den umliegenden Hotels strömten die Teilnehmer, die nicht direkt im Sheraton selbst wohnten, dorthin. Dabei mussten sie am Mannschaftsbus des BVB Dortmund vorbei, der breit und mächtig vor dem Hotelportal parkte. Fußballfans hatten ein Spalier gebildet vom Aufzug durchs Foyer zum Bus und beklatschten Trainer Jürgen Klopp. Mein Gott, wenn nur die Odd Fellows so einen Auflauf mal schaffen würden, dachten die umstehenden Brüder.

Das Bankett aber war sehr gut vorbereitet. Essen und Getränke waren im pauschalen Preis inbegriffen, was den Wein ebenso einschloss wie die musikalische Umrahmung durch Professor Dr. Manuel Quesada am Flügel und die Sopranistin, Frau Kammersängerin Monika Teepe.

Es ist nichts bekannt von einem Gast, der sich nicht wohl gefühlt hätte. Die Organisation hatte dazu einen einfachen Trick angewandt: An jedem Tisch des Saales war ein Platz mehr gedeckt als an diesem Tisch Personen per Planung platziert waren. Das hatte zur Folge, dass ein Platz an jedem Tisch zunächst leer blieb, aber genau das war der Punkt. Damit konnte jedermann den Tisch wechseln, ohne das Gefühl zu haben, jemand anderem den Platz weggenommen zu haben. Und noch viel mehr: Es führte zur Wanderschaft zwischen den Tischen, weil ja jeder die Entschuldigung hatte, dass er nur den freien Platz am Tisch in Anspruch nimmt, in Wahrheit aber waren es viel mehr Wanderschaften, weil jeder Wanderer ja wiederum einen Platz mehr frei machte, der wiederum von einem anderen Wanderer besetzt werden konnte. Mit anderen Worten: Diese eine freie Tischkapazität potenzierte sich zur Durchmischung der gesamten Abendgesellschaft. Und was hätte es Schöneres geben können für einen solchen zentraleuropäischen Abend ...

Aufgrund der pünktlichen Einhaltung der Termine war es für jedermann natürlich, dass gegen 22.00 Uhr das Bankett geschlossen wurde. Die meisten waren froh. Die Nimmersatts begaben sich an die Bar, wo sie von drei Kellnern zwar bereitwillig empfangen wurden, diese aber von dem Ansturm so vieler gutgelaunter Gäste vorübergehend überfordert waren.

Besuch der Logenhäuser

Am Sonntag stand nur ein Punkt auf dem Programm: Der Besuch der beiden Logenhäuser in Nürnberg-Fürth und alternativ in Nürnberg-Höfles. In Fürth begrüßte Horst Kreppel das Gros der ZELT-Teilnehmer im Logenhaus in der Dambacher Straße 12. Der vormalige Meister vom Stuhl der Freimaurer, denen das Haus gehört, sprach mit freiem Herzen zu den Odd-Fellow-Brüdern und -Schwestern.

Das Fürther Logenhaus ist ein denkmalgeschütztes Haus. Es steht auf einem Gartengrund von 4.000 Quadratmetern und misst in seinen Grundmaßen 22 mal 38 Meter. Den Zweiten Weltkrieg hat es wie durch ein Wunder nahezu unbeschädigt überlebt.

Es wurde 1891 eingeweiht und im Jahr 2003 renoviert. Dennoch bröckelt heute bereits wieder die Fassade, weil bei der Renovierung falsche Materialien verwendet wurden. Das war zum damaligen Zeitpunkt der Renovierung nicht Stand der heutigen Technik, weshalb die Kosten neuerlich voll auf dem Haus lasten. Diese betragen allein für die Frontfassade veranschlagte 500.000 Euro. Auch wenn das Denkmalschutzamt der Stadt Fürth sich generös daran beteiligt, so bleibt dem Logenhausverein dennoch eine schier nicht zu bewältigende große Last. „Für den Neubau 1891 wurde die Fassade aus einem französischen Fertigteile-Katalog bestellt“, sagte Horst Kreppel, „heute kostet uns die Renovierung ein Vielfaches.“

Eine Besonderheit ist die freitragende Marmortreppe und die Symbolik in den Glasfenstern des Hauses. Die Nazis haben die Wandbemalung des Hauses nach der Enteignung und Umwidmung zum braunen Versammlungshaus einfach übertüncht, dies aber gründlich. Eine Restaurierung koste einfach zu viel Geld. „Das können wir uns im Augenblick nicht leisten“, sagte Kreppel, „die Fassade und das Mauerwerk sind wichtiger“.

Der Tempel selbst macht einen überwältigenden Eindruck. Eine sternenfunkelnde Decke, von der drei große Leuchter hängen. Auf einem umlaufenden Fries sind die Werdestationen eines Freimaurers dargestellt am Beispiel eines Steinmetzen, angefangen in seiner Jugend, weiter über Ausbildung, Wanderschaft, Familiengründung und Hauptschaffenszeit bis zum Alter. Die straff ausgerichteten seitlichen Stuhlreihen in Blau bieten Platz für weit über hundertfünfzig Gäste mit großen Erweiterungsmöglichkeiten, falls Bedarf sein sollte. Im Refektorium hängen zahlreiche Bilder an den Wänden mit Portraits der vergangenen „Meister vom Stuhl“, wie die gewählten Vorsitzenden der Freimaurerlogen genannt werden. Die Bibliothek hat einen neuen Wandschrank, „der von einem polnischen Bruder gefertigt wurde“, erzählt Kreppel. „Er nahm persönlich Maß, fertigte die Teile und brachte sie hierher. Es passte alles perfekt.“

Die andere Gruppe wurde mit dem Bus nach Höfles gefahren, ein altes Dorf im nordöstlichen Randbereich Nürnbergs (erste Urkunde von 1281) mit einem Herrensitz aus dem Jahre 1762, in dessen Gemäuer sich das gemeinsame Logenhaus der Hans-Sachs-Loge, der Noris-Loge und der Frieden-Rebekka-Loge befindet. Dieses alte Herrenhaus, heute „Altes Schloss“ genannt, wurde von Werner Behringer, Friedrich Albig und Rudolf Schröpel, drei Mitgliedern der Noris-Loge, 1979 erworben. Es war ein dem Verfall geweihtes Haus. Mit großem Engagement in brüderlicher Zusammenarbeit und handwerklichen Eigenleistungen wurde das Haus von den Brüdern instandgesetzt und mit Umbauten zum Logenhaus hergerichtet. 1981 wurde die Halle geweiht. Heute befindet sich im Erdgeschoss eine Gaststätte, die einen Ruf als Gasthaus mit fränkischen Spezialitäten hat. Siegfried Hörmann, Obermeister der Bavaria-Loge in München: „Ich freue mich auf jede Lagersitzung in Höfles, nicht nur wegen der Brüder, sondern auch weil ich dort den typischen fränkischen Karpfen im Teigmantel bekomme.“ Werner Behringer ließ es sich nicht nehmen, die Geschichte des Höfleser Schlosses mit dem Herzblut des Mäzens zu erzählen, dem dies mit zu verdanken ist. Das
Höfleser Schloss ist sozusagen sein Odd Fellow-Kind. Am Ende gab es im Refektorium des Höfleser Logen-Schlosses ein Weißwurstessen mit Brezen und Bier.

Gegen Mittag war die Führung zu Ende. Viele Gäste aus dem Ausland wollten länger in Nürnberg bleiben, damit sich die Reise in die „Stadt unter der Burg“ auch richtig lohnt. Sie nahmen das Treffen zum Anlass, nicht nur die Odd Fellow-Kontakte zu pflegen, sondern auch die Stadt mit ihrer wechselvollen Vergangenheit näher kennen zu lernen.

Der Bus fuhr zum Hotel zurück. Das Zentraleuropäische Lagertreffen 2013 war zu Ende. Das nächste ZELT findet in den Niederlanden statt.

Fritz Elster